Schicksal oder Glück?
Aus dem Leben von Franz Gabmayer

Franz Gabmayer

Die Hölle beginnt,
der Teufel verlangt nach mir!

Ich wurde am 27. November 1925 geboren und war zu Kriegsbeginn am 1. September 1939 knappe 14 (vierzehn) Jahre alt. Ich hatte die Befürchtung ebenfalls eingezogen zu werden um meine Pflicht für das Vaterland zu erfüllen. Mein Vater meinte damals, bis du so weit bist ist der Krieg schon lange vorbei. Die anfänglichen Erfolge der Wehrmacht versprachen ein schnelles Ende. Es sollte, wie die Geschichte zeigt, ganz anders kommen. Der zweite Weltkrieg weitete sich aus und wurde weit schlimmer als der Erste. Ich wurde mit knapp 17 Jahren einberufen!

Die Einberufung …

Die anfänglichen Erfolge der Wehrmacht gerieten ins Stocken. Als die sechste Armee in Stalingrad eingeschlossen war kündigte sich die Wende des Krieges an. So kam es auch das ich am 14. Jänner 1943 (knapp 17 Jahre alt) zum RAD (Reichsarbeitsdienst) einrücken musste. Das war damals Pflicht! Ich kam also nach Tetlingen in der Nähe von Metz in Elsaß-Lothringen (gehörte damals zu Deutschland und ist heute wieder in Besitz von Frankreich). In der Nähe war die französische Maginotlinie, deren Bunker mit Kabeln verbunden waren. Unsere Aufgabe war es diese auszugraben.

Am 21. März 1943 ging es dann weiter an die Atlantikküste um am Atlantikwall Stacheldraht zu verlegen. Der Weg führte uns über Paris, Orleans und Tours bis Bisgarosse südlich von Bordeaux. Ich konnte das erste mal in meinem Leben das Meer sehen. Die Arbeiten führten wir immer Vormittags durch, am Nachmittag gab es militärische Ausbildung.

Dieser Einsatz dauerte bis 3. September 1943. Auf der Rückfahrt lagen wir noch drei Wochen in St. Wendel bei Saarbrücken, wo wir unseren ersten Bombenangriff erlebten. Am 26. September 1943 rüstete ich vom RAD ab und durfte zurück in meine Heimat. Ich verbrachte einen 16-tägigen Urlaub. Es sollte der einzige Urlaub bleiben den ich hatte.

Die Infanterie

Der Urlaub verging sehr schnell und ich musste am 12. Oktober 1943 nach Kremsler zur Infanterie einrücken. Wir fuhren über Znaim (stationiert vom 17. bis 27. November 1943 – mein 18. Geburtstag!) zum Truppenübungsplatz Grafenwöhr in der Oberpfalz, wo wir am 29. November 1943 ankamen.

Man sagte uns damals dass hier Truppen für Russland zusammengestellt werden. So kam es dass wir am 21. Jänner 1944 bei Schnee und Kälte nach Döllersheim (heute Allentsteig) fuhren um am Truppenübungsplatz die Winterausrüstung für Russland zu empfangen.

Das Blatt wendete sich!

Kurz vor der Abfahrt nach Russland kam der Befehl die komplette Winterausrüstung auszuladen. Es hieß wir müssten in den Süden. Der Grund? Die Amerikaner waren auf dem italienischen Festland in der Bucht von Salerno gelandet. Sizilien war bereits in ihrem Besitz. Dieser Umstand war ein großes Glück oder Schicksal. Wäre der Befehl einige Minuten später gekommen wäre ich auf dem Weg nach Russland gewesen. Der Ausgang ist heute durch die Geschichte dieser Zeit bekannt. Wir kamen also nach Italien und erreichten am 26. Jänner 1944 Siena südlich von Florenz.

Der Kampf begann

Beim Ausladen der Ausrüstung erlebten wir gleich einen Tieffliegerangriff, dessen Auswirkungen wir sogleich verspüren sollten. Die Bahn ging nur mehr bis Siena und so mussten wir unser Ziel Montalto di Castra, etwa 100 km nördlich von Rom mittels Fußmarsch erreichen. Dieser dauerte sieben lange Tage. Wir marschierten immer nachts da uns am Tag die gefürchteten JABOS (Jagdbomber) besser ausmachen konnten. Sie feuerten auf alles was sich bewegte. Wie überquerten mittlerweile auch den Monte Amiata-Pass.

Das Wetter war mild und wir erreichten den Stützpunkt Montalto die Castro, welcher neben dem Meer lag. Die Einheit die wir ablösten wurde nach Monte Cassino verlegt. Monatelang tobte der Kampf um diese Benediktinerabtei in Mittelitalien. Nach dem Fall der Abtei näherte sich die Front und wir sahen später in der Nacht bereits das Mündungsfeuer der Geschütze und hörten das dumpfe Grollen.

Es kam die Zeit das waren nun auch wir gefordert und begaben uns in Richtung Front. Wir waren die 92. Infanteriedivision, Regiment 1059, 12. Kompanie. Schon auf der Fahrt wurden wir in der Nacht südlich von Civitavecchia von der Schiffsartillerie schwer beschossen, gefolgt von pausenlosen Luftangriffen. Wir passierten Rom und gingen in Albano, rund 20 km südlich von Rom in Stellung.

Ich sah den Feind

Im Morgengrauen des 3. Juni 1944 war es dann soweit. Wir wurden durch schweres Artilleriefeuer aus dem Schlaf gerissen. Das Gebiet auf dem wir in Stellung lagen wurde systematisch beschossen. Erst schlug es vor uns ein, dann direkt bei uns und dann hinter uns. Plötzlich war es still. Als ich nach meinen Kameraden Ausschau hielt, stelle ich fest dass ich ganz alleine war. Alle waren im Höllenfeuer durcheinander gelaufen.

Ich hörte fremde Stimmen und überlegt kurz meine Möglichkeiten. Ich beschloss also mich in Gefangenschaft zu begeben. Uns wurde immer eingeschärft bis zur vorletzten Patrone zu kämpfen und sich dann mit der Letzten selbst zu richten. Die Amerikaner hätten Neger in vorderster Stellung, die jedem der sich in Gefangenschaft begebe, die Kehle durchschnitten.

Der Entschluss stand fest

Ich ließ also mein SMG (Maschinengewehr) liegen und warf meine Pistole samt der Munition weg und hoffte sicher zu sein. Im leichten Unterholz stellte ich mich hin, die Hände bereits in der Höhe. Ich sah zwei Amerikaner. Es waren Weiße! Es wäre für mich ein leichtes gewesen die beiden mit meinem SMG zu erschießen. Ich gab mich zu erkennen und trat rasch hervor. Es bestand die Gefahr bei zweifelhaften Bewegungen selbst erschossen zu werden. Als sie mich erblickten legten sie an und einer der Beiden gab mir ein Zeichen zu ihnen zu kommen. Während mich der Eine bewachte wurde ich vom Anderen nach Waffen durchsucht. Sie fanden keine und zeigten mir den Weg in den ich gehen sollte. Nach kurzer Strecke kam auch schon die Nachhut in Zweierreihen auf mich zu. Ich  ging mitten hindurch als mich einer in deutsch ansprach. Er erklärte mir wie weit es noch sei und wo ich mich zu melden habe.

Das Schicksal nahm seinen Lauf

Am Sammelplatz haben sich bereits viele Gefangene eingefunden und wir wurden über Verschiedenes befragt. Danach gab es zu essen und was noch viel besser war, zu trinken. Das machte die Hitze erträglicher. Die Neger die uns angeblich die Kehle durchschneiden sollten, diese Neger waren es die uns bewirteten. Sie waren genau das Gegenteil von dem was uns unsere Kriegspropaganda eingeprägt hatte. Sie waren freundlich, gaben uns Schokolade, Zigaretten und Kaugummi, mit dem wir Anfangs nichts anfangen konnten. Im Feldlazarett gleich in der Nähe wurden die unzähligen Verletzten versorgt. Leider mussten wir auch zahlreiche Tote beklagen.

Man fuhr uns nun mit Dreiachsern (gelenkt von Negern) zu je fünfzig Mann Richtung Nettuno, einem großen Freilager. Am nächsten Tag ging es dann mit Landungsbooten nach Neapel ins Hauptlager. Im Hintergrund war der Vesuv zu sehen, der am Tag eine Rauchfahne und bei Nacht einen Feuerschein zeigte.

Die Reise begann

Nach zehntägigem Aufenthalt in Neapel fuhren wir mittels Schiff durch die Straße von Messina, vorbei an der südöstlichen Insel Italiens (Pantellaria), durch das Mittelmeer Richtung Oran in Algerien (Afrika), wo wir am 23. Juni 1944 ankamen. Es herrschte gerade allergrößte Hitze. Bei Tag durften wir das Zelt ohne Kopfbedeckung nicht verlassen und in der Nacht benötigten wir Decken gegen die Kälte. Wir blieben bis 19 August 1944 in Algerien, bevor wir uns unserem Ziel „Amerika“ weiter nähern konnten.

Mit der Bahn ging es dann über Fes und Rabat nach Casablanca (weiße Stadt) in Marokko. Dort wurden wir sogleich auf ein Schiff verladen. Es war ein Truppentransporter, der amerikanische Soldaten nach Europa brachte und auf der Rückfahrt Gefangene mitnahm. Am 22. August 1944 um 06.00 abends war Abfahrt. Durch die große Gefahr eines U-Boot Angriffs fuhren wir im Geleitzug. Durch die Erfindung des Radars war die Erkennung eines U-Bootes erleichtert worden.  Das ganze Meer war, soweit man blicken konnte, voll mit Schiffen. Zerstörer sicherten den Geleitzug. Mit Schwimmwesten ausgerüstet fanden auch regelmäßig Übungen an Deck statt um den Ernstfall zu proben.

Tag für Tag verging und wir dachten schon es gäbe nur mehr Himmel und Meer. Nach 16 Tagen und 8 Stunden kamen wir dann am 8. September 1944 um ca. 02:00 Uhr nachts im Hafen von Norfolk / Virginia in den USA an.

Das Abenteuer nahm seinen Lauf

Als wir das Rasseln des Ankers hörten, stürmten wir an Deck und sahen, dass alles hell erleuchtet war. Wir konnten es fast nicht glauben, denn in Europa herrschte überall tiefste Verdunkelung. Wir waren aufgeregt und konnten kaum mehr schlafen, in Erwartung was weiter geschehen würde. Am nächsten Morgen wurden wir in die Bahn umgeladen. Als wir den Zug sahen konnten wir erst nicht glauben dass dieser für uns bestimmt war. Es handelte sich um riesige Pullman-Waggons, die mit vier bis sechs Achsen ausgestattet waren. Innen fanden wir gepolsterte Liegesitze. Dass waren wir nicht gewohnt, da wir in Europa und Afrika meist mit Viehwaggons transportiert wurden. So ging es vier Tage in den Westen der USA. Wir fühlten uns wie Reisende und nicht wie Gefangene.

Zwischenzeitlich in der Heimat …

Nachricht an den Vater

Die Wehrmacht informiert den Vater!

Während ich bereits in den USA sowohl in Gefangenschaft als auch in Sicherheit war, informierte die Wehrmacht meinen Vater über meinen Verbleib. Ich galt offiziell als „vermisst“. Diese Ungewissheit in meiner Familie konnte ich aber zu einem späteren Zeitpunkt aufklären. Wir konnten und durften in der Gefangenschaft regelmäßig Briefe nach Hause schicken. Dies tat ich natürlich mit großer Freude. Die Briefe befinden sich auch heute noch in meinem Besitz.

Wir fuhren weiter …

Essen wurde durch den Mittelgang des Waggons getragen und serviert. Es gab damals schon Plastik-Besteck und Wegwerfteller. In den Stationen wurden von Oben Eisblöcke nachgefüllt. Wir hatten also immer frisches Trinkwasser. Es war ja Anfang September und immer noch sehr heiß.

Die Reise ging weiter, vorbei an Autofriedhöfen, die es damals schon gab, an dessen Größe wir die Ausmaße der Städte abschätzen konnten. Bei St. Louis überquerten wir den Mississippi und durchfuhren den Maisgürtel. Endlos erstreckten sich die Maisfelder und der Mais stand gerade in der Reife. Wir fuhren weiter. Tag und Nacht! Über Kansas erreichten wir bei Denver, Colorade die Rocky Mountains. Mit der Fahrt durch das Gebirge erreichte die ohnehin schöne und abwechslungsreiche Reise ihren Höhepunkt. Dieser Teil war für mich damals der Beeindruckendste!

Wir waren am Ziel …

Am 12. September 1944 erreichten wir unser Ziel, Ogden am großen Salzsee bei Salz Lake City im Staate Utah. Dieser wird auch Mormonenstaat genannt da diese Sekte dort am Stärksten vertreten ist und in Salt Lake City ihren Tempel hat.

Im Lager angekommen wurden wir neu eingekleidet, bekamen amerikanische Uniformen und mussten diese mit PW (Prisoner of War = Kriegsgefangener) kennzeichnen. Wir lagen zu je 50 Mann in großen Baracken auf Feldbetten. Die Weißen Schlafsäcke wurden jede Woche gewechselt. Jede Kompanie bestand aus 250 Mann und hatte ihren eigenen Speisesaal. Das Essen war gut und wir erhielten auch verschiedenes Obst. Ich aß, nach Einweisung, meine erste Banane.

Im Lager gab es viele Freizeitmöglichkeiten. Im Kino sah ich die ersten Cowboyfilme, Wildwestfilme, teilweise schon in Farbe. Es gab Theater, Fußball, Boxkämpfe (da machte ich nicht mit, da ich auf Grund meiner kurzen Hände immer im Nachteil war und dies auch zu spüren bekam) und Tennis. Ich lernte Tischtennis spielen. Es gab eine Lagerkapelle (Musik), eine Bibliothek, eine Kantine, Sonntagsgottesdienst für Katholiken und Protestanten und vieles mehr.

Es wurde Zeit für die Arbeit …

Nach kurzem Aufenthalt im Hauptlager fuhren wir Ende September über Idaho nach Billings im Staate Montana zum Rübenernteeinsatz. Hier sahen wir die riesigen Felder und Farmen in einer Größe von mehreren hundert Hektar. Farmen mit 1000 Hektar waren auch keine Seltenheit. Wir staunten auch über den Mechanisierungsgrad der Landwirtschaft. Die Farmer hatten die verschiedensten Traktoren auf dem Feld, der Sohn kam mit dem Lastwagen und die Frau brachte das Essen mit dem PKW. Der Einsatz dauerte bis zum 7. November 1944.  Am 8. November waren wir zurück im Hauptlager Ogden.

Es war üblich, dass jeder, der Geburtstag hatte, nach dem Essen ein Geschenk erhielt. So war auch ich am 27. November 1944 an meinem 19 Geburtstag an der Reihe. Ich und zwei weitere wurden aufgerufen, nach dem Essen noch zu bleiben und unser Geschenk zu empfangen.

Wir arbeiten nun in einem Depot mit sehr großen Ausmaßen, nicht weit von unserem Lager entfernt. Mit einer ausrangierten Bahn fuhren wir in der Früh zum Depot und abends wieder zurück. Die Gleise gingen direkt ins Lager.

Es kam Weihnachten 1944 und das neue Jahr 1945 brach an. Ich verbrachte das gesamte Jahr in Amerika. Der Winter war nicht kalt, es gab nur einmal etwas Schnee. In den Zeitungen wie „New York Times“ oder „Washington Post“ sahen wir den genauen Frontverlauf in Europa. Wir hatten Englischkurse, die zweimal wöchentlich stattfanden. Nach einigen Monaten konnte ich mich, zu meiner Freude, auch schon verständigen.

Das Ende des Krieges …

Am 8. Mai morgens, wir waren schon bei der Arbeit, begannen die Glocken zu läuten und alle Sirenen heulten. Der Krieg in Europa war zu Ende. Eine Amerikanerin nahm mich und tanzte mit mir in der Halle. Ihr Mann, sagte sie – ich konnte ja schon etwas Englisch – werde nun bald aus Europa heimkehren. Für uns war die Gefangenschaft aber noch lange nicht zu Ende.

Es wurden Fahrer für Lifts (Hubstapler) gesucht und ich meldete mich. Nach einem wöchentlichen Kurs war ich Liftfahrer in der Halle 3c. Zuerst bekam man die gelbe Plakette und nach vierwöchigem unfallfreien Fahren folgte die Rote. Die Arbeit gefiel mir und machte mir Spaß. Ich war stolz mit einem Fahrzeug, dem Ersten in meinem Leben, zu fahren. Ich bekam den Lift mit der Nummer 303. Man trug die Verantwortung für sein Fahrzeug. Die Arbeit bestand darin, Waggons ein- und auszuladen, die Güter in der Halle genau nach den gelben Markierungen aufzustapeln und vieles mehr.  Die Güter waren damals noch für den Krieg gegen Japan bestimmt. Wir lagen ja ganz im Westen, nur der Staat Nevada trennt uns von California am Pazifik. Anfang August, ich kann mich noch genau erinnern, endete durch die beiden Atombomben auch dieser Krieg.

Weihnachten, Gott und die Arbeit …

Die kommenden Weihnachten verbrachten wir nicht in Ogden. Am 15. Dezember 1945 wurden wir nach Fort Douglas etwas außerhalb von Salt Lake City in ein Seitenlager verlegt. Gleich daneben war ein großes Verpflegungslager, wo wir arbeiten mussten. Hier ging es uns besonders gut. Überreife Bananen zum Beispiel konnten wir essen soviel da waren.  Ich sah auch den ersten Supermarkt in den die Leute nach freier Auswahl einkaufen konnten.

Das Lager verfügte auch über eine kleine Kapelle für den Sonntagsgottesdienst, bei dem ich und ein Rheinländer jeden Sonntag ministrierten. Der Pfarrer freute sich jedes mal und brachte den Ministranten auch kleine Geschenke, die ich heute noch besitze. Der Aufenthalt in Fort Douglas dauerte bis 18. April 1946. Bis zum 15. Mai 1946 waren wir dann wieder im Stammlager in Ogden.

Der Krieg war nun schon über ein Jahr vorbei und wir waren immer noch in Gefangenschaft. Die Gedanken flogen nun immer öfter über den weiten Ozean nach Hause. Wir konnten zwar alle 14 Tage einen Brief schreiben und bekamen nach langer Zeit auch Post von zu Hause, aber die Gefangenschaft währte nun schon zwei Jahre. Obwohl es uns gut ging, sehnte sich jeder nach der Heimat.

Am 15. Mai 1946 verließen wir erneut unser Lager in Ogden um für drei Wochen beim Rübenvereinzeln in Tremonton zu helfen. Hier fragte mich der Farmer wieviel Hektar Feld wir zu Hause hätten. Als ich sagte fünfzehn, lachte er, denn das eine Rübenfeld war weit größer als unsere gesamte Wirtschaft.

Die Heimat ruft …

Am 21. Juni 1946 um 15:00 war es dann soweit. Wir verließen das Lager, das uns fast zur zweiten Heimat geworden war. Die Fahrt ging über eine nördliche Route über Omaha in Nebraska nach Chikago, das wir, vorbei an den großen Schlachthöfen, am Morgen des 24. Juni erreichten.  Weiter verlief die Route über Cleveland zum Verschiffungslager Shanks (nördlich von New York), wo wir nach viertägiger Bahnfahrt am 25. Juni 1946 ankamen. Am 28 Juni verließen wir das Lager Shanks und fuhren mit einer Fähre durch den Hudson River in New York. Vorbei an den Wolkenkratzern von Manhatten mit dem Empire State Building (damals das höchste Gebäude der Welt), über uns die riesigen Brücken die die Stadtteile miteinander verbinden.  Die Freiheitsstatue in Sichtweite, stiegen wir von der Fähre in den Truppentrasporter „SEA DEVIL“ (Meeresteufel) um, und am 28. Juni 1946 um 17:00 Uhr war Amerika für uns am Horizont verschwunden.

Europa in Sicht …

Die Rückfahrt im Einzelschiff dauerte nur mehr neun Tage. Am 6. Juli kam die englische Küste in Sicht und am 7. Juli früh legten wir im Hafen von Le Havre in Frankreich an. Besser gesagt außerhalb des Hafens, denn dieser war voll von versenkten Schiffen. Wir konnten nur über einen Notsteg nach zwei Jahren wieder europäischen Boden erreichen. Wir kamen in das Lager Bolbec, außerhalb der zerstörten Stadt Le Havre.  Wir mussten nun auf Waggons für die Heimreise warten.

Am 28 Kuli 1946 verließen wir Bobec. Die nächste zerstörte Stadt war Rouen. Es war grauenhaft zu sehen was der Krieg angerichtet hat. So ging es weiter, überall zerstörte Bahnhöfe, alles nur notdürftig repariert. Die zerstörten deutschen Städte die mir in Erinnerung blieben: Karlsruhe, Stuttgart, Augsburg, München – einfach furchtbar. Bei Freilassing passierten wird die Grenze und endlich waren wir am 31. Juli 1946 im Entlassungslager Hallein und damit wieder auf heimatlichen Boden.

In Hallein las ich die erste österreichische Zeitung – die „Salzburger Nachrichten“ – darin wurden die ersten Salzburger Festspiele nach dem Krieg angekündigt. Am 3. August 1946 verließen wir auch dieses letzte Lager. Auf der Ennsbrücke sah ich die ersten Russen und in St. Pölten bekam in die Entlassungspapiere. Ich war nach langer Zeit wieder ein freier Mann.

Heimat, meine Heimat …

Es war der 4. August 1946, ein Sonntag, als ich gegen Abend in der langersehnten Heimat eintraf. Meine Reise, aufgezwungen von den Kriegswirren, über drei Erdteile fand ihr ENDE.

Ich wollte meinem Vater so viel erzählen, ihn in den Arm nehmen aber meine Reise und mein Überleben des Krieges hatte einen bitteren Beigeschmack. Mein Vater wurde nur 46 Jahre alt und war in meiner Abwesenheit bei Kampfhandlungen im Ort ums Leben gekommen. Granaten wurden auf das Dorf abgefeuert. Eine schlug in der Nähe meines Vaters im Kopfsteinpflaster ein. Er wurde durch Splitter im Bauchraum verletzt. Im Ort und in der Umgebung gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Arzt der die Splitter entfernen hätte können. Mein Vater bekam Wundbrand und erlag wenig später den Folgen seiner Verletzung.

Franz Gabmayer
253829

P.W. 1944 bis 1946
Ogden, UTAH, USA

Kreigsgefangenausweis